Unsere Sinne

Unser sechster Sinn rettet uns manchmal das Leben.
Und ein andermal haben wir wohl unsere sieben Sinne nicht beisammen gehabt.
Aber hoppla – waren das nicht eigentlich nur fünf?

Nun, die Wissenschaft ist sich da mal wieder nicht so ganz einig.
Ungeachtet dessen, was man uns in der Schule beigebracht hat, also hören, sehen, schmecken, riechen und fühlen  macht insgesamt  5 Sinne, fügen die einen einfach noch den Gleichgewichtssinn hinzu. Andere halten den Sinn für`s Übernatürliche für den sechsten Sinn. Und wieder andere sehen im Sinn für die eigene Muskulatur einen siebten Sinn und ich bin mir sicher, könnte man neu entdeckte Sinne bei einem Amt anmelden, würde sich vor dem Gebäude schnell eine Schlange bilden.

Mir geht es aber nicht darum, unsere Sinne zu zählen. Ich will mich hier mit nur einem Sinn befassen, mit dem Hör-Sinn.

Die grundsätzliche Funktionsweise unserer Sinne ist schnell erklärt, sie sind Sensoren.
Unterschiedliche Sensoren, die auf ihre Aufgabe hin spezialisiert sind. Augen, Ohren, Nase, Zunge und Haut.

Schallwellen gelangen ins Ohr eines Mannes

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Solche Sensoren bauen wir sogar schon nach.
Wir haben Kameras, die sehen können, Mikrofone, die hören können.
Doch halt – ist das so?
Kann eine Kamera wirklich sehen? Kann ein Mikrofon tatsächlich hören?
Oder „erfassen“ sie nur und das Sehen und Hören geschieht erst durch uns Menschen?
Ich befürchte, die Suche nach der Antwort führt mich weit in die Philosophie hinein, weshalb ich hier mal lieber auf sie verzichten möchte.

Tatsache ist, dass diese Sensoren – egal welche – ihre Feststellungen in entsprechende Informationen umwandeln und sie an unser Gehirn senden.

Schallwellen gelangen ins Ohr eines Mannes mit markiertem Gehörzentrum

Fotolia_85261828 © axel kock

Der Biologe wird jetzt darauf hinweisen, dass wir in unserem Gehirn Regionen haben, die für das Sehen zuständig sind, andere für das Hören und so weiter.
Aber auch damit will ich mich nicht lange aufhalten.

Mir geht es um die Feststellung, dass unsere Ohren auch „nichts weiter“ sind, als Schall-Sensoren.
Alle akustischen Ereignisse um uns herum werden von unseren Ohren erfasst und an unser Gehirn weiter geleitet.

Und mehr kann das Ohr nicht?

Was ist mit der Orientierung?
Stellen Sie sich vor, Sie stehen im stillsten Raum der Welt. Das ist zurzeit die Absorberkammer des Orfield Laboratories in Minnesota.
Es ist nichts zu hören. Nichts!
Selbst in einem wirklich leisen Schlafraum misst man etwa 30 Dezibel. In dieser Kammer sind es minus 9 Dezibel.
Und es ist stockfinster.
Sie versuchen, ein paar Schritte zu gehen und haben große Probleme dabei. Möglicherweise fallen Sie sogar um oder Sie müssen sich rechtzeitig hinknien oder setzen, um dies zu vermeiden.
So ergeht es Menschen, die sich in diesem „schalltoten Raum“ befinden.
Diese Absorberkammer können Sie übrigens bei Interesse mieten, wenn Sie es mal ganz still haben wollen. Aber begnügen Sie sich mit einer Stunde! Länger als 45 Minuten hat es dort nämlich noch kein Mensch ausgehalten. Unsere Psyche lässt das nicht zu.
Die Situation wird sofort um einiges besser, wenn das Licht wieder eingeschaltet wird. Selbst dann, wenn man Ihnen die Augen verbunden hat.
Das Geräusch des Lichts – nun, wohl eher der Lampen – reicht bereits aus, um uns wieder wohler fühlen zu können.
Uns wieder ansatzweise orientieren zu können.
Hersteller von Hörgeräten haben in einem Experiment angeblich festgestellt, dass Menschen, die ein Hörgerät benötigen, mit den eingeschalteten Hörgeräten deutlich besser balancieren konnten als ohne Hörgeräte.
Nun, es kommt wohl nicht von ungefähr, dass unser Gleichgewichts-Sensor mitten in unserem Ohr steckt!

Von großer Bedeutung

Für meinen Artikel sind diese „Erkenntnisse“ in einer bestimmten Weise von großer Bedeutung.
Unsere Augen können wir schließen, unsere Ohren nicht. Sie hören immer, auch im Schlaf. 24 Stunden am Tag.
Weil wir die Akustik brauchen – die Raumakustik.
Wir müssen wissen, wo wir uns befinden – ob die Raumakustik „in Ordnung“ ist.
Das geschieht unbewusst und wird nicht von unserem Bewusstsein gesteuert.
Doch können wir uns darauf verlassen, dass wir es sofort „gemeldet“ bekommen, wenn da etwas nicht stimmt – so wie in der Absorberkammer.

Ortung

Hören wir einen Ton, ein Geräusch – dann versuchen wir, es zu orten. Auch dieser Vorgang läuft ohne unser Bewusstsein ab.
Aus welcher Richtung kommt der Ton?
Wie weit ist der Ton von uns weg?
Wie weit oben oder unten ist der Ton?
Wie groß ist der „Körper“, der diesen Ton verursacht hat?
Wie viel Volumen hat dieser Körper?
Wie viel Abstand benötigt er zu anderen Körpern?
Wie ist die Tonhöhe?
Wie wird der Ton von seinen Obertönen geformt, welche Klangfarbe hat er also?
Welches Fundament erhält er durch seine Untertöne? (umstritten!)
Sorgen seine Obertöne für einen harmonischen Klang (liegen also die Obertöne im „mathematischen Vielfachen“ der Grund-Frequenz?) oder liegen sie dazwischen und der Ton wird von uns als disharmonisch – also „schief“ erkannt?
Von welchem „Material“ wird der Ton erzeugt (Holz, Metall, Glas, Körper eines Lebewesens)?

Erkennen wir, dass der Ton von einer menschlichen Stimme erzeugt wird, dann finden weitere Auswertungen statt.
Handelt es sich um eine Frau, einen Mann, ein Kind?
Wie alt ist der Sänger/die Sängerin?
Stammt der Sänger/die Sängerin eher aus den nordischen Ländern, aus Afrika, oder aus Fernost?
Mögen wir den Sänger/die Sängerin?
Entspricht die Stimme unseren Vorstellungen von einer „schönen“ Stimme?

Handelt es sich nicht nur um einen einzelnen Ton, sondern um eine Tonfolge, also um eine Melodie, dann prüfen wir diese nach weiteren Kriterien, die einerseits von unserer Umwelt und unserer Herkunft geprägt sind (Europäern erschließt sich z.B. die orientalische Musik nur schwer) und andererseits von unserem Geschmack. Mögen Sie Klassik oder lieber Jazz? Was halten Sie von Schlagern?

Und die Stereo-Anlage?

Und jetzt stellen wir uns vor, wir hören den Ton oder die Melodie über eine Stereo-Anlage.
Welche von den genannten Informationen erhalten wir?

Gute Anlagen sollten in der Lage sein, den Ton an sich ziemlich exakt nachzubilden, aber bekommen wir auch Hinweise auf den Aufnahmeraum?
Bedenken wir, wie lange wir Menschen bereits auf der Erde verweilen dürfen und stellen wir die Zeit dagegen, in der es die Möglichkeit gibt, Schallereignisse aufzunehmen und zu speichern, dann ist es wohl wenig verwunderlich, dass wir uns mit dieser Aufzeichnung und Wiedergabe noch schwer tun, oder?

Und wir Menschen haben auch noch keine rechte Sensorik dafür entwickelt, die Wiedergabe eines Aufnahmeraumes zu prüfen. Weder mit unseren Sinnen noch messtechnisch.

„Bis vor Kurzem“ hat jedes Schallereignis in „unserem Raum“ stattgefunden. Nun gut, vielleicht saßen unsere Vorfahren mal in einer kleinen Höhle und die Raubtiere fauchten und brüllten draußen vor dem Eingang, aber auch dann haben “wir” dieses Schallereignis so wahrgenommen wie es sich in der Höhle ausbreitete.

Von eingefrorenen Posthörnern

Und selbst als der Mensch gelernt hatte, Töne aufzuzeichnen und wiederzugeben, ging es ihm doch darum, den Ton zu erhalten und nicht die Raumakustik, oder? Was hier etwas „abfällig“ klingen mag, ist so gar nicht gemeint, denn die Tonaufzeichnung an sich ist ja lange Zeit ein ähnlicher, unerfüllbarer Menschheitstraum gewesen wie das Fliegen.
Viele Geschichten rankten sich bis dahin um Worte, die man in ein Gefäß sprach und die wieder heraus kamen, wenn man das Gefäß öffnete. Kein anderer als Münchhausen persönlich erzählte von Posthörnern, die bespielt wurden, während man sie einfror und die beim Auftauen diese Töne wieder von sich gaben.

Und auf einmal war der Mensch tatsächlich dazu in der Lage, Töne zu konservieren.

Um die Akustik des Aufnahmeraumes überhaupt aufzeichnen zu können, musste die Natur imitiert werden, also unsere beiden (!) Ohren.
Erst die Zweikanaltechnik (Stereophonie) konnte uns an so etwas denken lassen. Obwohl die Entwickler wohl mehr daran interessiert gewesen sind, eine Möglichkeit zur Ortung der Töne zu schaffen.

Ein riesiges Experimentierfeld tat sich mit Entwicklung der Zweikanaltechnik auf. Von der Kunstkopftechnik, bei der ein menschlicher Kopf nachgebildet wird und die Mikrofone statt Trommelfell in den modellierten Ohren stecken, über Mehrkanalaufnahmen wie Quadrophonie oder Surroundsound bis hin zur Wellenfeldsynthese, sozusagen einem Holographen für Töne, reichen die Versuche des Menschen, ein Klanggeschehen wieder dreidimensional im Raum entstehen zu lassen. Und handelt es sich um mehrere Töne, also mehrere Instrumente oder Stimmen, dann lautet das Ziel, jedes Instrument und jede Stimme wieder im richtigen Verhältnis zueinander reproduzieren zu können.
Peter links, Paul rechts und in der Mitte Mary … das war das Ziel. Im Idealfall kann man noch hören, dass Mary ein wenig weiter vorne stand als die beiden Herren.

Doch hören wir, in welchem Raum die Aufnahme stattgefunden hat? War es etwa die berühmte Carnegie Hall? Oder hat die Aufnahme im Studio stattgefunden?

Alte Normen

Die heute immer noch gültige DIN EN 61305 (ersetzte 1996 die DIN 45500) verliert kaum ein Wort über dieses Thema.
Die Wiedergabe der Raumakustik?
Vielleicht würde man diesen Faktor gerne mit in diese Norm aufnehmen, wenn man nur einen Weg finden würde, die Wiedergabe der Aufnahmeraum-Akustik messen zu können.
Doch wie misst man die Korrektheit einer reproduzierten Raumakustik? Möglichst in einem Labor und möglichst, ohne die Original-Räumlichkeit gemessen haben zu müssen!?

Der Mensch nimmt ja nicht nur die Größe eines Raumes wahr, er erfasst ja auch die Form des Raumes, das Material der Wände und den Inhalt.
Die Akustik in einem leeren Konzertsaal ist anders als die in einem voll besetzten Saal. Wir Menschen hören, ob ein Saal leer ist oder nicht, ob der Saal ein „Kasten“ ist oder ob es „Seitenschiffe“ gibt wie in einer Kirche; ob die Wände aus Holz sind, aus Beton oder ob man sie mit schweren Stoffen bespannt hat. Die Perfektion, mit der die besten Konzertsäle der Welt akustisch (messtechnisch) und musikalisch (nach Gehör) optimiert wurden, die nehmen wir sofort wahr und wir lassen uns davon beeindrucken.
Doch wie soll man so etwas messen können?

„Was man nicht messen kann, das gibt es nicht!“ – sagen die einen: „Wer viel misst, misst Mist!“ antworten die anderen.
Doch dieser Streit hilft uns nicht weiter.
Vermutlich sind wir alle zu früh geboren, um miterleben zu dürfen, wie eine neue Norm Methoden und Messwerte für die Aufnahme und authentische Wiedergabe der Raumakustik beschreibt.

Bis dahin begnügen wir uns doch damit, einfach zu hören, dass es HiFi-Anlagen gibt, die das Wunder vollbringen, etwas zu reproduzieren, was sich nicht messen und nicht beweisen lässt: Den Aufnahmeraum!

Und ich will auch gleich weitermachen mit einer zweiten, nicht belegten Theorie.

Zwei uralte Fähigkeiten

Sie basiert auf zwei Fähigkeiten der Menschen, auf die er seit Anbeginn seiner Zeit hin trainiert wurde.

Die Fähigkeit, etwas zu vervollständigen und zu korrigieren

Die erste Fähigkeit versetzt uns in die Lage, Teile einer Information oder nicht eindeutige Hinweise auf eine Information einfach ergänzen, berichtigen und zu einer vollständigen Information zusammenfügen zu können. Das mag früher vielleicht dazu gedient haben, dass wir nur die Pranke eines Säbelzahntigers erblicken mussten, um zu wissen, dass jetzt weglaufen angesagt war.

Beim Bewerten einer HiFi-Anlage ist diese Fähigkeit jedoch eher hinderlich.

Dazu näher:
In unserem Gehirn speichern wir alles was wir gehört haben, mit allen Informationen, die ich weiter oben bereits aufgeführt habe.
Nehmen wir nun als Beispiel eine Klavier-Aufnahme.
Irgendwann haben wir mal ein Klavier gehört und sei es nur im Schulunterricht und haben diesen Klang abgespeichert.
Von nun an wird es ziemlich gleichgültig, in welcher Qualität wir später wieder ein Klavier hören.
Beleg:
Starten Sie auf Ihrem Handy ein Musikstück mit Klavier und legen Sie das Handy zusätzlich noch in eine leere Keksdose vor sich auf den Tisch.
Auch wenn Ihre Ohren ein fürchterliches „Scheppern“ wahrnehmen, Ihr Gehirn hat das Klanggeschehen längst analysiert und das Klavier zielsicher als solches identifiziert.
Da die Information, also das Gehörte, so ganz und gar nicht dem gespeicherten „Original“ ähnelt, ersetzt unser Gehirn die “schlechte, verfälschte” Information durch die gespeicherten, “guten” Informationen und deshalb ist das Erkennen des Klaviers überhaupt kein Problem für uns. Auch nicht, wenn es alles andere als “schön” klingt.

Fähigkeiten einfach ausschalten

Schalten Sie diesen Vorgang jetzt einmal bewusst aus.

Das geht ganz einfach so:
Fragen Sie sich einfach, um was für ein Klavier es sich dort gerade handeln könnte. Falls Sie mit den Klaviermodellen jetzt nicht so recht vertraut seid, fragen Sie sich, ob es sich um ein echtes Klavier handelt oder um ein Keyboard (Synthesizer), das man einfach nur auf „Klavier“ umgestellt hat.
Und nun behaupte ich, dass Sie diese Frage unter diesen Umständen nicht beantworten können.

Fazit:
Wenn Sie also Musik über eine HiFi-Anlage anhören, dann lassen Sie es nicht zu, dass Ihr Kopf eine “schlechte” Information einfach durch eine “gute” ersetzt, eine unvollständige einfach ergänzt.
Blockieren Sie diesen Vorgang, indem Sie von „unbewusster Steuerung“ auf „bewusste Steuerung“ umschalten.
Schalten Sie also Ihre „Automatik“ aus und übernehmen Sie wieder selbst das Ruder!
Das ist ganz einfach!
Stellen Sie in Frage, dass das was Sie hören, echt und richtig ist und versuchen Sie, der tatsächlichen Tonquelle auf die Schliche zu kommen.
Sie werden erstaunt sein, wozu Sie da schon ganz schnell in der Lage sind!

Die Fähigkeit, die Echtheit zu erkennen

Jedoch gibt es da in unserem Kopf noch eine zweite Falle, nämlich unsere Fähigkeit, die Echtheit einer Information zu hinterfragen, sobald sie sich einem Original nähert.

Solange etwas stark genug vom gespeicherten „Original“ entfernt ist, greift unser Gehirn zur Methode „Ergänzen und Ersetzen“, sobald es aber dem Original „gefährlich nahe kommt“, erhält unser Gehirn ein „Alarmsignal“. Und dieses Alarmsignal startet einen feinen Prüfprozess.

Auch hier mag uns diese Fähigkeit früher in die Lage versetzt haben, z.B. zwischen all dem bunten Herbstlaub die sehr ähnliche Maserung einer Schlange entdecken zu können, aber beim Musikhören blockiert auch sie uns wieder und verhindert, dass wir das Gehörte genießen können.

Das ist verrückt, oder?
Klingt etwas deutlich anders als das Original – ergänzen und ersetzen wir es einfach.
Klingt etwas fast so wie das Original, aber eben nur fast, so lehnen wir es vollständig ab. Da gibt es “null Bereitschaft” in uns, etwas zu ergänzen oder zu ersetzen!

Das glauben Sie nicht?

Gut – lassen Sie mich ein paar Beispiel bringen:

Schauen Sie sich dieses Bild an:

Waldlandschaft

Waldlandschaft © Wolfgang Saul

Haben Sie bemerkt, dass es nur zweidimensional ist und die dritte Dimension, die Tiefe, fehlt?
Nein, haben Sie nicht bewusst bemerkt? Oder ja – ist ja klar, aber nicht drüber nachgedacht?
Weil Fotos nun einmal zweidimensional sind!?

Aber es gibt doch schon dreidimensionale Bilder!
Nur reizen die uns irgendwie nicht, oder?

Gehen Sie gerne in ein 3D-Kino?

Manche mögen diese aufregende Technik, vielen aber „wird ganz komisch“ im 3D-Kino und sie gehen lieber wieder in die „normale“ Vorstellung.

Normale Vorstellung?

Ist es schon so weit mit uns gekommen, dass wir die zweidimensionale Darstellung als „normal“ und die dreidimensionale als „unnormal“ empfinden?

Müsste uns nicht jede auch noch so schlechte 3D-Wiedergabe immer noch deutlich „normaler“ vorkommen als die allerbeste zweidimensionale Wiedergabe?

Aber nein – das tut sie nicht.
Was uns Menschen davon abhält, ist unsere Fähigkeit, Dinge, die uns vorgaukeln wollen, sie seien das Original, spielend einfach als Nachbildung zu entlarven. Und täuschend echte Nachbildungen empfinden wir als Bedrohung, als etwas Unangenehmes. Damit wollen wir nichts zu tun haben.

Und je dichter eine Nachbildung am Original dran ist, um so aufmerksamer und skeptischer werden wir.

Und erst wenn eine HiFi-Anlage es schafft, diese Hürde zu überwinden und uns eine Wiedergabe zu präsentieren, die wir als „Original“ bewerten, hat sie nicht nur unseren Segen, sondern erzeugt sogar in uns das Gefühl von Begeisterung.
Wir sehen und wir wissen, dass die „Musik aus den Lautsprechern kommt“ und doch geben wir uns gerne der Illusion hin, wir befänden uns im Konzertsaal oder im Studio.

Und woher kennen wir das Original?

Wie soll das Original denn bitte schön in unseren Kopf kommen, wenn wir bei der Aufnahme nicht dabei waren, wenn wir gar nicht wissen, welche Instrumente verwendet wurden, wie die Stimmen der Vokalisten klingen? Wo also soll das Original herkommen?

Diese Frage ist absolut berechtigt und auch hierzu habe ich eine Theorie.

Wir kennen von so vielen Dingen die Originale nicht und müssen dennoch über die Wahrscheinlichkeit urteilen, ob es Originale sein könnten.
Deshalb haben wir gelernt, mit dieser Aufgabe umzugehen und eine Lösung gefunden.

Sehen Sie sich das nachfolgende Bild an. (Die grüne Paprika wirkt auf manchen Monitoren arg grün, aber als Beispiel soll es reichen)

2 Paprika gruen

2 Paprika gruen

Und nun sehen Sie sich dieses Bild an.

Gelbe Paprika

Gelbe Paprika

Beide Fotos wird Ihr Gehirn problemlos als Original akzeptieren, stimmt`s?

Und nun sehen Sie sich dieses Foto an.

Paprika mit Lila Stielen

Lila Stiele

Schreit Ihr Gehirn hier nicht regelrecht: „Betrug! Vorsicht! Manipulation!“ ???

Und warum ist das so?
Weil Ihr Gehirn bemerkt hat, dass die Stiele in lila umgefärbt wurden.
Mit spielerischer Leichtigkeit entpuppt unser Gehirn das dritte Foto als Fälschung, auch wenn wir diese beiden Paprika nie gesehen haben, das Original also nicht kennen.
Und doch – wissen wir, wie diese Paprika im Original aussehen könnten und eben auf keinen Fall so wie auf dem dritten Foto!

Natürlich lassen wir uns auch gerne täuschen.
Welche Farbe die rechte Paprika nun wirklich hat, das können wir nicht wissen. Ist uns aber auch egal, oder?
Beide Paprika der ersten beiden Bilder sind für uns Originale, weil beide Fotos keinerlei Hinweise auf eine Fälschung enthalten. Es hätte für uns keine Bedeutung, zu wissen, welches die Originalfarbe ist.

Beim dritten Foto sind lediglich die Stiele anders – und doch – es reicht uns – wir mögen dieses Bild nicht.

Und jetzt schauen Sie sich das nächste Bild an.

Paprika Vintage

Paprika Vintage

Und? Schlagen hier Ihre Alarmglocken?
Nein! Wieso auch? Es ist doch ein übliches altes, vergilbtes Schwarzweiß-Foto!
Alles ist für uns “ganz normal” und alles ist gut!
Die Abbildung hat zwar nichts mit den Original-Farben zu tun, aber doch erscheint uns das Foto als “normal”. Weil die Inhalte wieder so stark vom Original abweichen, dass wir einfach wieder auf “ergänzen und korrigieren” umgeschaltet haben. Die rechte Paprika werden wir sogar noch auf diesem Schwarzweiß-Foto als gelbe Paprika identifizieren. Bei der linken werden wir uns nicht ganz sicher sein und von rot oder grün ausgehen, stimmt`s?

Schlussfolgerung:

Mein Rat im Bezug auf den Betrieb einer HiFi-Anlage geht also ganz klar in folgende Richtung:
Wenn Sie sich nicht auf die Aufgabe einlassen wollen, eine Anlage zu finden, die durch eine “täuschend echt und original wirkende” Wiedergabe überzeugen kann, dann sparen Sie sich viel Geld und kaufen eine, deren Wiedergabe weit weg vom Original ist. Alles andere ist beim Hören einfach nur anstrengend.

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