Foto: © Brigitte Thom

AUDIOSAUL wünscht frohe Weihnachten 2017

Und weil man zu Weihnachten gerne Geschichten erzählt, will auch ich Euch heute eine erzählen.
Eine Geschichte aus der Zeit, als es wohl auf einmal zu meiner Erziehung gehörte, mir jede Woche Zwei-Mark-Fuffzig als Taschengeld zu überlassen.
Kaum hatte ich mein Taschengeld bekommen, stand ich auch schon an der Klümpkesbude und verballerte die gesamte Summe in eine große Tüte mit Naschereien.
Ja, die war damals tatsächlich noch richtig groß und prall gefüllt.
Was mir aber Woche für Woche Ärger mit meinen Eltern einbrachte, die mir ja beibringen wollten, mit Geld verantwortungsbewusst umzugehen.

Mir fehlte jedoch jegliches Unrechtsbewusstsein und ich sah kopfschüttelnd auf die anderen Kinder, die am Ende der Woche ihr Taschengeld immer noch komplett zur Verfügung hatten. Wenn sie das dann vor den Augen der Eltern in ihre Spardosen warfen, wurden sie dafür gelobt und über den Kopf gestreichelt.
Dann bekamen sie die Zwei-Mark-Fuffzig für die nächste Woche. Natürlich wieder dafür, sie nach sieben Tagen ins Sparschwein zu schmeißen. So etwas nennt man wohl training.

Den Sinn dahinter, habe ich jedoch in meinem ganzen Leben nicht verstanden.

Für mich lag die Funktion des Geldes darin, dass ich mir dafür etwas kaufen konnte und nicht darin, es in ein blödes Porzellanschwein zu schmeißen.
Nicht, dass ich nicht auch so ein Schweinchen hatte, aber innerhalb von Sekunden konnte ich es mit einem Kartoffelschälmesser leeren. Die Münzen wie die Scheine holte ich blitzschnell wieder hervor. Wobei Scheine eher seltener darin zu finden waren.

Zu meiner Konfirmation war es dann so weit, dass mein Geld zum ersten mal nicht in das kleine Sparschwein passte.
Mein Vater, dem wohl mein Musikgeschmack nicht ganz passte, nahm einen Teil davon und ging damit auf eine Pfandleihen-Versteigerung.
Als er wieder Heim kam, besaß ich einen Philips EL 3300, den ersten Kassettenrekorder der Welt.
Und für zwei erste eigene Langspielplatten hatte es auch noch gereicht:

Die Rattles und Michel Polnareff.  Klasse!

Die durfte ich auf den Plattenspieler in der Musiktruhe meiner Eltern legen, um sie mit meinem Mikrofon auf meine Kassette aufzunehmen – so wie samstags nachmittags die Songs der Monkeys aus dem Fernseher.
Danach konnte ich die Musik dann in meinem Zimmer hören und mein Vater hatte seine Musiktruhe wieder für sich.

Bei schlechtem Wetter verblieb ich sonntags oft den ganzen Tag in meinem Bett, neben dem ein altes Grundig-Radio stand. Ich suchte dann auf Langewelle Musik, die man nicht dauernd vorgedudelt bekam und nahm sie auf Kassette auf.

„Boom Oo Yata-Ta-Ta“ vom britischen Comedy-Duo Morecambe and Wise lief auf BBC und ich habe es geliebt.
Hey! Ich war 14! Und mein Vater hörte den ganzen Tag nur die Egerländer!

Hätte mir jemand damals von Spotify, Qobuz oder Tidal erzählt, hätte ich ihm das noch viel weniger geglaubt, als das, was man mit der Besatzung des schnellen Raumkreuzers Orion erleben konnte. Eher wären wir von den Frogs angegriffen worden, als dass wir einfach so Zugriff auf die gesamte Musik unserer Erde bekämen.

Naja – jedenfalls hatte mein Vater ganz nebenbei auch genau die richtige Methode gefunden, mich von der Klümpkesbude fern zu halten. Für Musik und Klümpkes zusammen reichte es nicht und Musik wurde mir wichtiger als Süßes.

Heute bin ich 63 Jahre alt und muss sagen, dass ich es mit dem Sparen immer noch nicht so richtig habe.
Doch ich fühle mich gut dabei.

Das Alter bringt es mit sich, dass man immer wieder Freunde, Kollegen und Familienmitglieder für immer verliert.
Von einigen weiß ich, dass ihre Sparschweine prall gefüllt waren.

Manchmal frage ich mich dann, ob es nicht gut gewesen wäre, sie rechtzeitig mit zur Klümpkesbude zu schleppen. Sie wären doch auch von ihren Eltern gelobt worden, wenn sie nach der Woche nur eine Mark ins Sparschwein gesteckt hätten.
Und sie hätten eigene Klümpkestüten gehabt und hätten nicht dauernd so auf meine starren müssen.

Ja, sicher, manchmal sind andere Dinge wichtiger als Klümpkes oder Musik.
Aber manchmal auch nicht.

Wir wünschen Ihnen eine besinnliche Adventszeit, frohe Weihnachten und kommen Sie gut und gesund ins Neue Jahr 2018.

Marianne und Wolfgang Saul

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