Was ist eigentlich ein Klangunterschied?

Was ist eigentlich ein Klangunterschied?

Was ist eigentlich ein Klangunterschied? Ziemlich doofe Frage, oder?
Nun – ganz so doof, wie sie zunächst erscheint, ist sie aber ganz und gar nicht.
Das Komplizierte an diesen Klangunterschieden ist nämlich, dass es etliche verschiedene Kriterien gibt, die dann auch noch jeder für sich unterschiedlich bewertet.

Und dann gibt es da in der High-Fidelity ja noch das hehre Ziel der Klangtreue, also den Anspruch, dass alles genau so zu klingen hat, wie das Original geklungen hat.
Doch wie hat das Original eigentlich geklungen?
Wer kann so etwas wissen?
Und was ist, wenn mir ein bestimmter Sound dann viel besser gefällt als der, von dem man behauptet, er sei „authentischer“?
Darf mir nicht ein „schlechterer“ Wein auch mal besser schmecken als der vermeintlich “bessere”?

Kann da vielleicht mal einer Ordnung schaffen?

Wenn ich das schaffen würde, würde mich meine Frau wohl auf der Stelle in die Garage und ins Büro schicken und mich auffordern, auch dort mal meine erstaunlichen Fähigkeiten zum Ordnen unter Beweis zu stellen. 🙂

Da lasse ich das dann hier auch mal besser sein und begnüge mich mit dem Versuch, ein wenig Licht in das Thema Klangunterschiede zu bringen.

Ein Klavier, ein Klavier!

Ein Instrument wie das Klavier hat schon eine imposante Größe. Es hat etliche Saiten, Tasten und sehr viel Holz. Dann gibt es da noch zwei bis drei Pedale, mit denen man lauter, leiser, länger oder kürzer schwingend spielen kann.
Bei einem Klavier kann es sich um ein „echtes“ Klavier handeln, das meistens mit geschlossenem Deckel gespielt wird oder um einen Flügel, der natürlich offen gespielt werden muss.
Das Klavier ist für die Entwickler von elektronischen Instrumenten ein echt „harter Brocken“ und noch heute können nur wenige elektronische Klaviere überzeugen.

Was man von einer HiFi-Anlage erwarten kann

Über eine Stereoanlage abgespielt, sollten wir selbst bei einem wirklich miesen System immer noch ein Klavier irgendwie als Klavier erkennen können.
Doch hören wir auch den Unterschied zwischen einem Klavier und einem Flügel?

Größe

Wie groß wird das Klavier abgebildet? Imponiert uns die Größe eines Flügels oder hören wir immer nur “Schröder” seiner “Lucy” etwas auf einem Kinderklavier vorklimpern?

Ortbarkeit

Wo steht das Klavier? Also wie weit vorne oder hinten? Wie weit rechts oder links? Wie hoch steht es? Steht es oben auf der Bühne und wir sitzen unten? Oder sitzen wir oben und das Klavier spielt unten?

Dreidimensionalität

Wie steht das Klavier und wo sitzt der Pianist? Befinden sich die Tasten an der rechten oder an der linken Seite?  Die meisten Flügel öffnen ihre rechte Seite, so dass der Pianist immer links von uns sitzen muss. Hören wir das auch so?

Der Klang eines Instrumentes

Eine wunderbare Aufnahme, um das Klavier (hier Flügel) akustisch bewerten zu lernen, ist das berühmte Köln Konzert von Keith Jarrett.  Man sagt, er wäre damals sehr unzufrieden mit dem zur Verfügung gestellten Bösendorfer Flügel gewesen und hätte 24 Stunden vor dem Konzert nicht mehr geschlafen, nur um das Instrument besser kennen zu lernen. Während des Konzerts am 24. Januar 1975 hätte er sich dann – gegen seine Müdigkeit ankämpfend – weitestgehend auf das Spielen der mittleren Register beschränkt.

Keine Musik – sondern Magie

Das Ergebnis kennt wohl jeder HiFi- und Musik-Freund – es ist magisch – hypnotisierend – fesselnd.

Und was macht Ihre HiFi-Anlage daraus?

… und die Aufnahme zeigt Ihnen gnadenlos, was Ihre Stereoanlage kann und was nicht.
Während Keith Jarrett spielt, hören wir immer wieder die Bühne knarren und auch die Pedale. Das klingt jetzt irgendwie laienhaft, verleiht dem Stück aber eine überzeugende Realität.

Und halten Sie sich zunächst bitte zurück!
Bevor Sie jemandem erzählen, von welcher Sekunde bis zu welcher Sie gehört haben wollen, dass Keith die Melodie mitsummt – hören Sie sich das Stück lieber erst einmal über eine wirklich gute Anlage an und notieren Sie dabei, wann er tatsächlich mitsummt und wann nicht! Ich denke, Sie werden dann froh sein, bis dahin noch nichts gesagt zu haben. 🙂

Lachendes Publikum!?

Und wenn ich Sie jetzt frage, wann das Publikum denn auf diesem Titel schadenfroh lacht – was antworten Sie mir dann?

Doch zurück zum Klavier und zu der eingangs gestellten Frage: Was ist eigentlich ein Klangunterschied?

Nun, was genügt Ihnen denn als Unterschied?

Reicht es Ihnen bereits, wenn Sie ein Klavier als Klavier erkennen können und ist es Ihnen völlig egal, ob es ein Klavier oder ein Flügel ist?
Sind Sie zufrieden, wenn Sie den Flügel vom Klavier unterscheiden können, aber die körperhafte Darstellung des Instrumentes noch fehlt?
Geht Ihr Herz erst auf, wenn Sie die Augen schließen und das Klavier sozusagen „plastisch“ vor sich sehen?
Oder sind Sie gar erst am Ziel, wenn Sie zwischen den Tönen, die die Hämmerchen beim Schlag auf die Saiten erzeugen und den Resonanzen im Holzkörper unterscheiden können?
Wenn Sie den Steinway vom Yamaha und dem Bösendorfer unterscheiden können?
… wenn Sie wirklich jedes Mitsummen von Keith Jarrett klar und deutlich vernehmen können?

Aufpassen!

Doch wieder muss ich Sie zum Aufpassen auffordern. Entwickler von HiFi-Komponenten versuchen manchmal, ihren Geräten und Lautsprechern diese analytischen Fähigkeiten „anzuerziehen“. Diese Komponenten werden also auf Analytik und „Präzision“ getrimmt.
Fast immer geht das dann aber auf Kosten der Wärme und des Volumens. Und da wir heutzutage mit ziemlich viel Musikschrott zugeschüttet werden, der nur für unser Transistorradio im Büro produziert wurde, klingt diese Musik über eine analytisch ausgerichtete Kette dann schon schnell sehr gruselig!

Emotionen und das richtige Timing

Die hohe Schule des Musikhörens befasst sich jedoch mit den Emotionen und mit dem Timing in der Musik.

Was ich damit meine, will ich gerne anhand des genannten Musikstückes näher erklären.
Hören Sie das erste Stück der CD oder der Schallplatte – die meisten hören sowieso nur die ersten 9 Minuten – und fühlen Sie sich in die Musik hinein.

Ich kenne – mit verschiedenen Ketten gehört – dabei mindestens folgende unterschiedlichen Klangbilder.

Hektik, übertriebene Dynamik

Das Spiel ist hektisch, wirkt wie zu schnell gespielt, zu fahrig. Keith scheint sich nicht richtig konzentrieren und sich auch nicht in die Musik einfühlen zu können. Das, wovon dieses Stück emotional lebt, ist nicht einmal ansatzweise vorhanden. Die Töne sind zu hart, zu metallisch und das Timing stimmt vorne und hinten nicht. Es ist ein nerviges Geklimper und irgendwie möchte man die ganze Zeit über sagen: „Hab ich doch gleich gesagt, dass ich Klaviermusik nicht leiden kann!“.

Trägheit, fehlende Dynamik

Keith „leiert“ das Stück gelangweilt vor sich hin. Er ist müde und schlecht gelaunt – das hört man und das scheint man sogar in seinem Gesicht “sehen” zu können. Seine Laune ist so tief im Keller, dass man sich als Zuhörer fragt, wieso er nicht aufhört und ein anderes mal weiterspielt, wenn er wieder Spaß daran hat. Denn auch das Zuhören ist alles andere als angenehm.

Geplärr

Es mag ja sein, dass Keith im Recht war, als er den Bösendorfer damals kritisierte. Doch seine Unzufriedenheit richtete sich gegen die hohen Töne des Instrumentes, die mittleren Register gefielen ihm gut. Über manche HiFi-Ketten scheint sich aber das “plärrige” Klangbild der hohen Töne auch auf die Mitte des Instruments übertragen zu haben. Das, was man als wunderbar harmonisch und sonor kennt, mit viel Volumen und langem Ausschwingen, das plärrt hier plötzlich nur rum. Der Klang des Bösendorfers ist einfach mies, unerträglich und man mag sich das nicht lange anhören. Und das geht auch mir so, obwohl oder gerade weil mir der Bösendorfer als Flügel oft der liebste ist.

Das Klangbild rastet ein

Und wie klingt es, wenn alles stimmt was stimmen kann?
Antwort:  “Wow!”
Kennen Sie das, wenn Sie vor Ihrer Anlage sitzen und nichts und niemand Sie dort wegholen kann? Wenn Sie selbst bei einem Zimmerbrand erst noch den Titel bis zum Ende hören wollen?

Wenn das Stück beginnt – übrigens für alle, die immer noch rätseln, wann denn gelacht wird:
Keith spielt die ersten 5 Töne und dann scheint etwas auf der Bühne zu passieren, über das das Publikum lachen muss. Vielleicht ist ein Techniker über ein Kabel gestolpert – ich weiß es nicht..

Zurück zur Musik.
Sowohl Keith als auch die Zuhörer brauchen ein paar Minuten, um sich in das Stück einzufühlen. Doch irgendwann sind alle gemeinsam mittendrin. Es ist, als würde sich da etwas synchronisieren und einrasten.

Wenn Keith dann spielt, sehen wir seine Finger über die Tasten gleiten, fliegen, schweben und zustoßen. Wann sie zustoßen – wann sie zustoßen müssen –  und dass Keith den Zeitpunkt trifft – darüber gibt es keinen Hauch eines Zweifels!
Es geht hier um winzige Verzögerungen und Betonungen – fast möchte man sagen, um den Milliardstel Teil einer Sekunde und ganz bestimmt noch weniger!
Doch Keith trifft den Zeitpunkt, wählt die korrekte Betonung.

Er fühlt es, er lebt es, er ist die Musik.

Über allem schwebt ein unbestechliches, unhörbares Metronom. Pulsierend, erbarmungslos, treibend.
Er – der Takt – zieht uns in seinen Bann.
Wir versinken in einen tranceähnlichen Zustand – in eine Art Hypnose, werden zu Derwischen – ohne uns drehen zu müssen.

Keith´s Klavierspiel frisst sich wie eine Droge in unsere Seele. Nimmt uns gefangen. Alles um uns herum ist ausgeblendet.
Ich weiß nicht mehr, wie es gewesen ist, als ich dieses Stück zum ersten mal gehört habe. Aber ich habe den Eindruck, mit diesem Titel emotional verwachsen zu sein. Und ganz bestimmt geht es nicht nur mir so.

Wenn Keith spielt, ich ganz automatisch meine Hände bewege, so – als würde ich selbst das Stück spielen, obwohl ich kein Klavier spielen kann – und ich immer wieder spüre, wie mein Herz so einen kleinen Hüpfer macht und dabei so ein Glucksen erzeugt, dann weiß ich, dass hier wirklich alles stimmt. Und dann kann ich mir die Aufnahme auch fünf mal hintereinander anhören.
Ja, auch heute immer noch!

Oft mache ich das dann auch, jedenfalls wenn ich mal wieder die besten, leider auch teuersten Kabel angeschlossen habe. Kabel, die ich im Studio nur selten verwende. Weil es nicht fair wäre, jede Kette mit ihnen vorzuführen.

Musiklose Seelen?

Und dann muss ich an die Menschen denken, die einen solchen Einfluss auf den Klang rigoros für unmöglich erklären und sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, sich das einmal anzuhören. Als hätten sie Angst davor, dass Ihnen die Wahrheit eine Maske vom Gesicht ätzen würde und dahinter jemand zum Vorschein kommt, der das durchaus auch hören kann.

Aber eigentlich geht es doch überhaupt nicht darum, wie sich der Klang verändert.

Es geht einzig darum, wie sich die Musik verändert.

Ob mich ein und die selbe Musik nervt, langweilt oder zu Tränen rührt und mich glücklich macht –
das ist doch ein Unterschied, oder nicht!?

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