Ein ganz persönlicher Bericht von Wolfgang Saul.
High-End? Wien?
Wer den geschichtlichen Werdegang dieser Messe mit ihren ursprünglichen Gründungsmitgliedern, Absichten und Zielsetzungen kennt, der muss sich schon ein wenig wundern.
Fast kommt es einem so vor, als würden die Gedenkfeiern zum 3. Oktober (Deutsche Wiedervereinigung) in Frankreich stattfinden.
Kommen wir kurz zum Werdegang:
1982 …
… war die Zeit reif für eine ganz besondere Messe.
Im HiFi-Handel gab es keinen Platz für die Produkte der außergewöhnlichen „Audio-Künstler“.
Viel zu gut funktionierte doch der Abverkauf der Mainstream-Produkte mit ihrem Einheitsbrei-Sound.
Dazwischen irgendwelche Highlights zu präsentieren, hätte die Kundschaft nur verunsichert, die all ihr Wissen aus den noch jungen Testzeitungen zog und mit großer Hingabe ihr Budget vor allem in die Testsieger investierte.
Vorsichtshalber wurden diese Audio-Künstler, die eben nicht den Mainstream bedienten, zu „Bastlern“ degradiert. Ein Begriff, der genug Angst und Zweifel schürte, um den Kunden doch wieder auf den rechten Weg zu den Testsiegern zurück zu führen.
Vor allem um genau diesen Missstand zu beseitigen, startete eine kleine Gruppe dieser Audio-Künstler und engagierten Vertriebe eine eigene Messe in Düsseldorf und viele Besucher stießen so auf eine geheimnisvolle und unbekannte Welt. Als seien sie auf einem anderen Planeten gelandet.
Dieser Audio-Planet war aber keineswegs unwirtlich, sondern glich eher dem (Klang-) Paradies.

Von Düsseldorf ging es ins Kempinski-Hotel, also nach Frankfurt. Schön zentral und damit fair für ganz Deutschland. Eine gute und nachvollziehbare Entscheidung der High-End-Interessengemeinschaft.
Mit der Zeit wandelte sich die HiFi-Szene. Einige der damaligen Audio-Künstler etablierten sich und gesellten sich zum Mainstream, andere verschwanden, neue kamen hinzu.
Einige wenige gibt es nach wie vor und immer noch mit selbem Status.
Die Welt …
wuchs auch im HiFi-Bereich zusammen und um dieser Entwicklung hin zur Globalisierung gerecht zu werden, wurde die Messe von Frankfurt nach München verlegt.
Die High-End sollte unbedingt zu einem internationalen Anziehungspunkt werden und das – so war man sich einig – kann nicht in einem Hotel stattfinden.
Die Händler und High-End-Szene aus Deutschland fühlte sich übergangen. Wieso musste die „Deutsche High-End“ mit den großen internationalen Messen konkurrieren? Gab es dafür nicht die Internationale Funkausstellung?
Über die Motive für den neuerlichen Wechsel nach Wien kann man jetzt nach Herzenslust spekulieren und diskutieren. Zwischen „München zieht international nicht genug!“ und „Wir wollen zur wichtigsten Messe weltweit werden!“, bleibt Raum, um sich seine eigenen Gedanken zu machen und sich seine eigene Meinung zu bilden.
Genau aus diesem Grund war der Besuch der ersten High-End in Wien für mich natürlich ein Pflichtprogramm. Wer etwas nicht kennt, darf auch nicht meckern.
Also? Wie hat die erste High-End in Wien auf mich gewirkt?
Waren die Ausstellungsräume akustisch besser?
Obwohl mir die meisten Aussteller bestätigten, dass die Räume über eine viel bessere Akustik verfügten als die in München – klang es in den allermeisten Räumen leider eher bescheiden.
Und je teurer es wurde, um so ernüchternder waren die Ergebnisse.

Natürlich beeindruckt es, wenn ein riesiges Hornsystem (ESD) den Hubschrauber von der Edwards Air Force Base („The Happiest Days of Our Lives“, Pink Floyd – The Wall) mit 112 dB vor einem schweben lässt, aber wenn dann bei dem Song die Dynamik gefühlt selbst von einem kleinen Zweiwege-Lautsprecher übertroffen wird, dann bleibt die Show wohl leider nur denen positiv im Kopf, die sich nicht wirklich gut auskennen und sich lediglich von dem gigantischen Aufbau blenden lassen.
Wie in jedem Jahr führten die klanglichen Ergebnisse eher dazu die Frage zu stellen, ob man überhaupt auf solchen Messen vorführen soll oder ob man sich nicht besser auf das Zeigen der Produkte konzentriert. Auf einer Auto-Messe darf man ja auch nicht jeden Luxus-Wagen probefahren. Genau dafür gibt es ja eigentlich den Handel.
Die zweite Feststellung gilt dann der Frage, was denn überhaupt zu sehen/hören war?
Und da war es auffällig, dass Marken, die vor einigen Jahren mit „speziellen, lückenfüllenden Produkten“ in Deutschland Fuß fassen konnten, plötzlich ein fast unüberschaubares Vollsortiment präsentierten.
SOtM steht für ausgezeichnete Switches mit Glasfasereingängen und Masterclock-Anschlüssen.
KECES steht für hervorragende DC-Netzteile,
Eversolo für gute/günstige Streaming-Produkte,
Rose HiFi für All-in-One-Geräte mit extravagantem Design,
Silent Angel für gute/günstige, aber auch teure/ganz hervorragende Switches …
Plötzlich erweitern diese Marken ihr Portfolio und zeigen uns vollständige Programme und Bausteine wie Vollverstärker, mit denen sie die bisherigen Platzhirsche vom Markt verdrängen wollen.
Wird das funktionieren?
Nun, sicher nur mit Unterstützung der Presse und deren entsprechende Testsieger-Power.
Da kommt es vor allem auf die finanzielle Potenz an.
Was habe ich also gesehen und gehört, was mir in Erinnerung bleiben wird?
Große, unbezahlbare Systeme, die mich nur in wenigen Ausnahmefällen überzeugen konnten.
Kleine Systeme, die besser klangen als die meisten großen.
Die etablierten Marken enttäuschten am meisten, waren grenzenlos langweilig.
Die „neuen“ Marken waren am innovativsten. Ihnen merkte man an, dass Sie klare Ziele verfolgen.
Und das Messegebäude selber?
Das Messegebäude hat noch Potential und kann noch besser genutzt werden. Die Lage ist hervorragend, genau wie die Anbindung.
Auch für die Aussteller war es „das erste mal Wien“. Man muss davon ausgehen, dass sie sich im nächsten Jahr schon deutlich besser vorbereiten und präsentieren werden.
Fazit:
Die “Generalprobe” hat gezeigt, was man alles besser machen kann/muss. Der Standort scheint international seinen Charme zu haben. Um aber ein endgültiges Urteil abgeben zu können, muss man den zweiten Versuch im nächsten Jahr abwarten.
Interessantes:
ADOT
… kommt mit dem ONI 100 – einem Glasfaser-System ohne Glasfaserverbindungen!
Erste Testgeräte wurden selbstverständlich bestellt – Ich werde berichten!

Ideon
… will meinen Lieblings-DAC (Ayazi) einstellen. Das finde ich extrem schade!!!! Zum Abschluss präsentiert man uns eine „Limited Edition“, von denen es weltweit nur 20 Geräte geben wird. Mir ist es gelungen, jeweils eine Ausführung in silber und eine in schwarz zu erkämpfen. Mal sehen, welche davon ich für mich selber behalten werde.
Ich kann nur jedem empfehlen, der gerade einen extrem günstigen und genau so extrem gut klingenden DAC erwerben möchte, bei den noch erhältlichen Ayazi-Restbeständen zuzuschlagen!
Zum Preis von etwa 26.000,- € kommt Ideon mit einem Al-In-One-Gerät (Nous). Das Teil habe ich mir zum Testen reserviert. Bin gespannt.

Keces
… gehört mit zu den Herstellern, die uns mit einem ziemlichen Aufgebot an Neuigkeiten überraschte. Da muss ich mich erst mal durchwühlen.

SOtM
… gehört ebenfalls mit zu den Herstellern, die ihr Portfolio erheblich erweitert haben. Auch da wartet Arbeit auf mich.

Vielen Dank für Ihr Interesse! Ihr Wolfgang Saul

